Konsonanten
- alle doppelt geschriebenen Konsonanten werden gelängt ausgesprochen, vgl. lat. crassus "dick" = ['kras:ʊs], repperit "er/sie hat gefunden" = ['rɛp:ɛrɪt]
- c entspricht in klassischer Zeit einem (phonologischen) deutschen /k/, allerdings ohne dessen Behauchung, d.h.:
- wenn /a, e, o, u/ oder ein Konsonant folgt, ist die Aussprache [k], vgl. lat.
- canis "Hund" = ['kanɪs], aber dt. kann = ['khan]
- crassus "dick" = ['kras:ʊs], aber dt. krass = ['khras]
- wenn /i/ folgt, wird ein palataleres [c] ausgesprochen, vgl. lat. cinis "Asche" = ['cɪnɪs] ungefähr wie dt. Kinn ['chɪn], aber ohne dessen Behauchung!
- f: es wird angenommen, dass es ausgesprochen wurde wie dt. [f], doch ist dies nicht erwiesen; möglich wäre auch die Aussprache [ɸ], also der Laut, den man beim Ausblasen einer Kerze hervorbringt
- gn wird artikuliert wie eine deutsche Folge von velarem ng plus n, also lat. ignis "Feuer" = ['ɪŋnɪs]
- h wurde in klassischer Zeit zumindest von den oberen Schichten und am Wortanfang noch wie ein deutsches [h] (oder allenfalls etwas schwächer) artikuliert; bei der Unterschicht war es bereits verstummt
- i wird in der Nachbarschaft von Vokalen als [j] ausgesprochen, vgl.
- am Wortanfang: lat. iūstus "gerecht" = ['ju:stʊs] wie in dt. just ['jʊst] (aber mit langem erstem -ū-!)
- im Wortinneren zwischen Vokalen höchstwahrscheinlich als langes [j:], vgl. eius "sein/ihr" = ['ɛj:ʊs]
- im Wortinnern zwischen Konsonant und Vokal: als Folge [ij], vgl. fīlius "Sohn" = ['fi:lijʊs] in drei Silben!
- l hatte zwei verschiedene Aussprachen:
- vor /i/ sowie als langes ll: wie deutsches [l], vgl.
- fīlius "Sohn" = ['fi:lijʊs]
- bellus "hübsch" = ['bɛl:ʊs] ähnlich wie dt. Elle = ['ɛlə], aber mit gelängtem l
- in allen anderen Fällen: als velares [ʟ], vgl. cūlus "Arsch" = ['ku:ʟʊs]; lūna "Mond" = ['ʟu:na] ähnlich wie engl. well ['wɛʟ] bzw. luck = [ʟʌkh]
- m wurde wie deutsch [m] ausgesprochen, war aber am Wortende außer bei einsilbigen Wörtern weit gehend verstummt; zum Teil dürfte der Vokal davor nasaliert ausgesprochen worden sein, vgl. lat. Rōmam (Akkusativ Singular) = ['ro:mã(m)] oder sogar schon, v.a. in weniger sorgfältiger Aussprache, = ['ro:ma]
- n wird wie im Deutschen ausgesprochen, außer in der Konsonantengruppe ns, wo es in klassischer Zeit wenn überhaupt, dann höchstens noch ganz schwach artikuliert wurde, während dafür der davor stehende Vokal sicher mehr oder weniger deutlich nasaliert und gelängt ausgesprochen wurde, vgl. lat. ānser "Gans" = ['ã:nsɛr] oder sogar ['ã:sɛr] wie im franz. pantalon "Hose" = [pãtalõ]
- p wird stets ohne Behauchung ausgesprochen, also wie im Französischen, vgl. lat. pūrus "rein" = ['pu:rʊs] wie in franz. pur = [py:χ], aber nicht wie in dt. pur = ['phu:ɐ]
- qu ist eine Folge von [k] und [w], also lat. quis "wer" ['kwɪs]
- r wurde nicht mit dem Halszäpfchen, sondern mit der Zungenspitze gerollt (wie heute im Italienischen und noch häufig in Bayern), vgl. Rōma = ['ro:ma] wie im Italienischen
- die genaue Artikulation von s ist umstritten:
- es wurde wohl immer als stimmloser Konsonant artikuliert (wie das deutsche ß), so auf jeden Fall am Wortanfang und -Ende bzw. vor Konsonant, vgl. sōl "Sonne" = ['so:ʟ], also etwa wie jetzt in deutsch Cent = ['sɛnt]
- es ist möglich, doch nicht bewiesen, dass einfaches s im Wortinnern zwischen Vokalen stimmhaft werden konnte, so vielleicht rosa "Rose" = ['rɔsa] oder = ['rɔza]?
- schließlich ist es sehr gut möglich oder sogar wahrscheinlich, dass das s, ob stimmlos oder stimmhaft, gar nicht wie ein reines deutsches [s] bzw. [z] ausgesprochen wurde, sondern wie ein span [ʂ] (bzw. das poln ś), also etwa in der Mitte zwischen ß und sch stehend; nach all dem Gesagten hätte lat. īnsula "Insel" also wahrscheinlich wie ['~i:nʂʊʟa] geklungen!
- t ist wie p (vgl. oben) unbehaucht, vgl. lat. tālis "solch" = ['ta:lɪs] vs. dt. Taler = ['tha:lɐ]
- u neben einem Vokal (bzw., in graphisch stark modernisierten Texten, v) wird nicht wie deutsches w = phonetisch [v] in Wein = ['vaɪ̯n], sondern wie englisches w, also phonetisch [w] ausgesprochen, vgl. lat. uespa (auch geschrieben vespa) "Wespe" = ['wɛspa] (oder ['wɛʂpa]) wie in engl. wasp ['wɔsp]; lat. uallum (bzw. vallum) "Wall" = ['waʟ:ʊ(m)] wie engl. wall ['wɔʟ]
Aus alledem ergibt sich, dass der Name des berühmten Diktators, Caesar, im Latein zu Caesars Zeiten wohl ungefähr wie ['kaɪ̯sar] oder eher ['kaɪ̯ʂar], allenfalls auch wie ['kaɪ̯zar] ausgesprochen wurde.
Wenn die Schulaussprache trotzdem bei ['khaɪ̯zaʁ] oder ['khɛ:zaʁ] oder sogar ['tsɛ:zaʁ] bleibt, so kann man das in diesem Falle als überkommene Gewohnheit rechtfertigen.
Wenn die oben dargestellte Aussprache des klassischen Lateins heute in Schule und Universität vergleichsweise wenig bekannt ist, dann liegt dies entweder am mangelnden Interesse der Lehrenden und Lernenden oder an der Einsicht, dass eine akzentfreie Aussprache des Lateins auch angesichts der vielen Unsicherheiten ohnehin nicht zu erzielen und bei einer Sprache ohne muttersprachliche Sprecher auch nicht notwendig ist.
Betonungsregeln
Bei der Betonung lateinischer Wörter sind zunächst zwei Probleme zu unterscheiden:
Welche Silbe wird betont?
Bei mehrsilbigen Wörtern kann der so genannte Wortakzent nur entweder auf die vorletzte oder auf die drittletzte Silbe fallen.
Eine Betonung auf der letzten Silbe ist bei mehrsilbigen Wörtern also unmöglich. Damit sind die für den heutigen Schulunterricht typischen, zu Unterscheidungszwecken stark betonten Endungen wie z.B. bei Genitiv Sing. manūs = ?[ma'nu:s] im Gegensatz zum Nominativ Sing. manus = ['manʊs] falsch.
Die Entscheidung, welche Silbe bei mehrsilbigen Wörtern zu betonen ist, hängt allein von der vorletzten Silbe ab (sog. "Pänultimaregel"):
- Die vorletzte Silbe ist betont, wenn
- das Wort überhaupt nur zweisilbig ist, z.B. in Rō-ma = ['ro:ma]
- die vorletzte Silbe einen langen Vokal hat, vgl. Rō-mā-nus "Römer" = [rɔ'ma:nʊs]; can-dē-la "Leuchte" = [kan'de:ʟa]
Achtung: Wenn in einem Text keine Vokallängen angegeben sind, kann man die Vokallänge der vorletzten Silbe nur in Wörterbüchern nachschlagen bzw. auswendig lernen; sonst ist die sog. "Quantität" des Vokals, also dessen Länge oder Kürze, dem Wortkörper selbst nicht anzusehen;
- die vorletzte Silbe einen Diphthong hat, z.B. in in-cau-tus "unvorsichtig" = [ɪŋ'kaʊ̯tʊs]
- die vorletzte Silbe "geschlossen" ist, d.h. sie auf Konsonant endet, d.h. nach dem Vokal noch mindestens zwei Konsonanten folgen, vgl. ter-res-tris "irdisch" = [tɛr'rɛstrɪs]; a-man-tur "sie werden geliebt" = [a'mantʊr].
- In allen anderen Fällen ist die drittletzte Silbe betont, vgl. exer-ci-tus "Heer" = [ɛk'sɛrcɪtʊs]; exer-ci-tu-um (Genitiv Plural) = [ɛksɛr'cɪtʊʊ(m)].
Wie wird die betonte Silbe hervorgehoben?
Im Gegensatz zum Deutschen war das Latein offenbar eine Sprache, in der die betonte Silbe nicht durch eine Erhöhung der Lautstärke, sondern durch eine Veränderung des Stimmtons gekennzeichnet wird.
Beim Wort Rō-ma = ['ro:ma] wurde also die betonte Silbe ro- mit anderer Tonhöhe gesprochen als das folgende -ma. Wie stark die Tonhöhenänderung war, geht leider aus den Quellen nicht hervor. Ebenso wenig erfahren wir, ob das Latein gar - wie das Altgriechische oder heute das Chinesische - eine Tonsprache war, d.h. ob diese Veränderung zur Unterscheidung verschiedener Wortbedeutungen diente.
Beide Punkte haben gravierende Auswirkungen auf folgendes Problem:
(Fortsetzung folgt.)
Woher weiß man das alles?
Eine Kombination verschiedener Quellen:
- Entwicklung der Aussprache bei lebenden Nachfolgesprachen
- Verse, Reime, Theater und Gesänge (Duktus)
- Vergleiche ähnlich lautender Wörter
- Vergleich mit Wortstamm