Infos Home | Impressum | Original Artikel & Autoren Liste


Cahiers du cinéma

Cahiers du cinéma ist eine berühmte französische Filmzeitschrift, die seit April 1951 monatlich erscheint. Erste Chefredakteure waren André Bazin und Jacques Doniol-Valcroze.

In den fünfziger Jahren gehörten die späteren Filmregisseure der Nouvelle Vague (NV) Redaktion der Cahiers: Francois Truffaut, Claude Chabrol, Eric Rohmer, Jacques Rivette und Jean-Luc Godard. Sie entwickelten das Konzept der Politique des auteurs, die im Deutschen leider oft etwas mißverständlich als Autorentheorie bezeichnet wird. Sie postuliert, daß der wahre Autor eines Films der Regisseur ist und nicht etwa der Drehbuchautor, die Stars oder das gesamte Filmteam. Die oft als "jeunes Turcs" (Jungtürken) bezeichneten Kritiker setzten sich besonders für die damals unter Intellektuellen eher scheel angesehenen Hollywoodfilme und für Filme des italienischen Neorealismus ein. Während der deutschen Okkupation (1940-1944) waren überhaupt keine amerikanischen Filme in Frankreich zu sehen gewesen. Deshalb bekamen die Franzosen ab 1944 praktisch die gesamte Kriegsproduktion der amerikanischen Filmindustrie zu sehen und konnten plötzlich vergleichen mit den Filmen, die während der Kriegsjahre zu sehen waren.

Bekämpft wurde vor allem die "Tradition de la qualité" des französischen Kinos, wie z.b. die Filme von Claude Autant-Lara oder Jean Delannoy. Diese Filme waren meist blutleere Studioproduktionen, die oft Verfilmungen von bekannten literarischen Werken waren. Hohe Wellen schlug der Artikel "Une certaine tendance du cinéma francais" von Francois Truffaut, veröffentlicht in Nr. 31 im Januar 1954. Truffaut setzte sich hier vor allem mit der Adaption literarischer Werke durch das Drehbuchautorenteam Jean Aurenche und Pierre Bost auseinander. Truffaut legte detailliert dar, wie das Autorenteam den Geist der Vorlage systematisch verfälschte und das Drehbuch nach Belieben mit blasphemischen und sexuellen Versatzstücken würzte, um eine billige Provokation zu erreichen.

Die Cahiers-Kritiker waren die ersten, die systematisch längere Interviews mit von ihnen besonders geschätzten Regisseuren führten, wie z.b. Howard Hawks, Alfred Hitchcock, Jean Renoir, Roberto Rossellini und Orson Welles. Dies wurde erst durch die Markteinführung tragbarer Tonbandgeräte möglich. Diese Interviews werden auch heute noch immer wieder veröffentlicht.

Immer wieder stürzt man sich mit Wonne in Scharmützel mit den Kollegen von Positif, die einen wesentlich politischeren Kurs steuern.

Ende der fünfziger Jahre hatten die "jeunes turcs" endlich die Gelegenheit, selber Filme zu machen. Lediglich Rivette und Rohmer, der seit 1957 Chefredakteur war, waren der Zeitschrift noch als Mitarbeiter verbunden. Anfang der sechziger Jahre erwies es sich zunehmend als schwierig, die Zeitschrift von der NV zu emanzipieren. Während Rohmer ein klassisches Kino propagierte und unabhängig von der NV sein wollte, vertrat Rivette den Standpunkt, man müsse der etwas flügellahm gewordenen NV publizistische Rückendeckung geben.

Der Streit eskalierte im Juni 1963, als beide Gruppen jeweils separat die nächste Ausgabe der Cahiers konzipierten. Rivette setzt sich durch (Nr. 145, Juli 1963) und ist von nun an inoffizieller Chefredakteur der Zeitschrift. Die Seitenzahl wird erhöht und der Blick weitet sich auf benachbarte Gebiete, wie Musik, Philosophie und Soziologie, was sich u.a. in Interviews mit Roland Barthes oder Pierre Boulez manifestiert. Ganz im Einklang mit dem Zeitgeist politisieren sich auch die Cahiers immer mehr.

Ende der sechziger Jahre wird der Ton immer esoterischer, mit marxistischem, soziologischem und strukturalistischem Vokabular durchsetzt. Es gibt nur noch Texte, keine Bilder mehr. Die Maoisten haben sich in der Redaktion durchgesetzt. Die Auflage sinkt drastisch und die Erscheinungsweise wird immer sporadischer. Nur durch ein finanzielles Engagement von Truffaut, der immer noch Anteile hält, wird die Einstellung der Zeitschrift verhindert.

Erst Ende der siebziger Jahre wird wieder ein breiteres Publikum angesprochen, doch die Zeit der großen, maßgeblichen Debatten ist unwiderruflich vorbei. Das Interesse gilt besonders dem französischen Film. Immer wieder gibt es große Dossiers über die inzwischen kanonisierten Klassiker der Filmgeschichte und lange Interviews. Aber auch entferntere Filmländer wie Hongkong, Indien oder China sind öfters Thema von Dossiers oder Sonderheften.

Seit Anfang der achtziger Jahre gibt es auch einen eigenen Verlag für Filmbücher, in dem schon weit über hundert Titel erschienen sind.

Auch im neuen Jahrhundert gibt es immer wieder existentielle Krisen, zuletzt erst 2003, als die Cahiers vom neuen Eigentümer, der Zeitung Le Monde, beinahe abgewisckelt wurden. Chefredakteur ist seit September 2003 Jean-Michel Frodon, der von Le Monde kommt. Dieser Wechsel ließ viele daran zweifeln, ob die Zeitschrift noch ihr altes Niveau beibehalten könne.

Doch der große Name öffnet immer noch so manche Türe. Die Cahiers sind nach wie vor der Anlaufpunkt für Filmregisseure aus aller Welt. Mit über 50 Jahren haben sie für eine Filmzeitschrift ein ungewöhnliches Alter erreicht. Nur die britische Filmzeitschrift Sight and Sound erscheint noch länger.

Die Website der Cahiers www.cahiersducinema.com ist seit geraumer Zeit down, angeblich wegen Überarbeitung, wahrscheinlich aber aus finanziellen Gründen.


Der Ursprungsartikel stammt von der deutschsprachigen Wiki pedia (siehe oben: "Original Artikel & Autoren Liste").
Der Text steht unter der GNU Freie Dokumentation Lizenz.