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Die Bindungstheorie wurde durch den britischen Psychiater John C. Bowlby theoretisch begründet und in langjähriger Zusammenarbeit mit der Kanadierin Mary S. Ainsworth empirisch erhärtet. Den Anstoß zu seinem lebenslangen Forschungsprojekt erhielt Bowlby im England der Nachkriegszeit, als er als Kinderpsychiater Kontakt zu vielen Kindern hatte, die durch die Kriegswirren früh von ihren Eltern getrennt worden waren und zum Teil schwerwiegende Persönlichkeitsstörungen aufwiesen, für die sich zunächst keine befriedigende Erklärung finden ließ: Bowlby mißtraute gleichermaßen den quasi physikalischen Erklärungsversuchen des Behaviorismus, für den sich jedes beobachtbare Verhalten in ein Reiz-Reaktionsschema pressen läßt, wie auch den empirisch nicht verifizierbaren Hypothesen der Psychoanalyse.
Die Bindungstheorie versucht, ein im sozialen Umfeld beobachtbares und innerhalb gewisser Grenzen auch meßbares Verhalten zugleich aus ethologischer (also verhaltensbiologischer) und aus psychologischer Sicht zu erklären. Sie besitzt Berührungspunkte mit der Psychoanalyse, mit der sie die Auffassung teilt, daß frühkindliche Erlebnisse ein Schlüssel zur Erklärung der gesamten weiteren Entwicklung eines Menschen sind.
Gleichzeitig grenzt sie sich entschieden ab von der Lerntheorie, die etwa aus der mütterlichen Reaktion auf das Weinen des Kindes keinen anderen Schluß zu ziehen vermag als den, daß es der Mutter entweder um Streßabbau gehen müsse oder darum, belohnend oder verstärkend auf das Kind einzuwirken. Die weitreichenden Konsequenzen, die das mütterliche Verhalten in dieser Situation für die gesamte weitere Entwicklung des Kindes haben kann, vermag die Lerntheorie aus Sicht der Bindungstheorie nicht angemessen zu erfassen.
Die Bindungstheorie versucht mithin, aus einer Synthese von psychoanalytischer Theorie und systematischer Verhaltensbeobachtung ein "Konzept emotionaler Kohärenz und Integrität" (Klaus E. Grossmann) des Menschen zu gewinnen.
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